Ein Bücherwaggon, böse Hexen in Brasilien und das Honigmeer

Das kleine Monster in einem Touristenbus in der Stadt Curitiba

Das kleine Monster in einem Touristenbus in der Stadt Curitiba

Das kleine Buchmonster wacht in dem großen Rucksack im Bus erst wieder auf, als es hin- und hergeschleudert wird. Schnell krallt es sich an einer Rucksackschnalle fest. „Obrigada“, hört das kleine Ungeheuer Knoblauch eine Stimme sagen. Dann wird es mit dem Rucksack durch die Luft geschwungen und landet wahrscheinlich auf den Schultern der Rucksackbesitzerin.

„Obrigada“ ist bestimmt das portugiesische Wort für „Danke“, denn das hat die Rucksackbesitzerin gesagt, als ihr der Busfahrer den Rucksack gereicht hat. Hier in Brasilien sprechen die Menschen kein Deutsch. „Obrigada fürs Mitnehmen“, flüstert Knoblauch leise in Richtung der Rucksackträgerin und krabbelt schnell unter der Klappe hervor. Draußen ist es hell. Ob das kleine Buchmonster hier das goldene Wasser aus dem brasilianischen Kinderbuch findet, das es auf dem Dachboden entdeckt hat?

Knoblauch wedelt mit den Ohren und hebt ab. Da sieht er, dass auf dem Bus in großen Buchstaben „Curitiba“ geschrieben steht. Aha, das ist also die brasilianische Stadt, in der es gelandet ist. In der Nähe erkennt es von oben eine großen Marktplatz, etwas weiter weg, einen Park voller hoher Palmen.

Ein Eisenbahnwaggon in Curitiba

Ein Eisenbahnwaggon in Curitiba

Komisch, was ist das denn? Das steht ein Eisenbahnwaggon mitten in einer Fußgängerzone und heraus kommt ein Mädchen mit einem Stapel Bücher auf dem Arm. Das muss sich Knoblauch sofort genauer ansehen.

Ob das Kinderbücher sind? „Bondinho da Leitura“ steht auf dem roten Waggon. Vielleicht gibt es hier das Buch mit der Geschichte vom goldenen Meer und jemand weiß, wo er gelb-glitzernde Wasser findet, denkt das kleine Monster ganz aufgekratzt.

Es flattert die hohen Stufen hoch und in den Waggon. Tatsächlich: Überall stehen hier Bücher. Ein Bücherzug! Knoblauch ist glücklich. Er fliegt zu einer Frau, die am Eingang des Waggons sitzt. „Hallo?“, sagt er, so laut wie kleine Monster reden können. „Oi“, antwortet die Frau. „Haben Sie hier das Buch über das goldene Meer?“, fragt Knoblauch dann.

Knoblauch zwischen brasilianischen Kinderbüchern im Bücherwaggon

Knoblauch zwischen brasilianischen Kinderbüchern im Bücherwaggon

Die Frau lacht. Ob sie ihn wohl verstanden hat? „Welches Buch?“, fragt sie zurück. Komisch, jetzt kann Knoblauch verstehen, was sie sagt. Kann er plötzlich portugiesisch sprechen? „Kleines Monster, hab ich dich jetzt erschreckt? Das wollte ich nicht! Ich kann Deutsch sprechen, weil meine Uroma aus Deutschland kommt“, sagt sie dann und lächelt. „Ich heiße übrigens Elfie.“ Das kleine Monster schaut sie verdutzt an, wedelt sich mit den Ohren etwas Luft zu und sagt: „Ich bin Knoblauch“, und fügt etwas enttäuscht hinzu: „Und ich bin wohl doch kein Sprachgenie…“

Dann erzählt Elfie dem kleinen Monster, dass es in der Stadt Curitiba viele ältere Menschen gibt, die Deutsch sprechen können. Vor mehr als 100 Jahre sind viele Bewohner aus Deutschland nach Brasilien umgezogen. Mehrere Wochen mussten sie damals mit einem Schiff über das Meer fahren, bis sie endlich dort waren.

Das kleine Buchmonster im Deutschen Park In Curitiba bei Hänsel und Gretel

Das kleine Buchmonster im Deutschen Park in Curitiba bei Hänsel und Gretel

In Curitiba gibt es zur Erinnerung an die deutschen Einwanderer sogar einen „Deutschen Park“, in dem Hänsel und Gretel aus dem Märchen der deutschen Brüder Grimm wohnen – natürlich auch die böse Hexe. Das will sich das kleine Buchmonster später umbedingt noch anschauen. Aber jetzt muss er erst wissen, ob Elfie das goldene Meer kennt.

Es gibt zwar viele Kinderbücher in dem Eisenbahnwaggon, aber das Buch vom Dachboden ist nicht dabei. Allerdings entdeckt Knoblauch die Geschichte vom kleinen Prinzen auf Portugiesisch. Während das Monster sich umsieht, hat Elfie die Stirn in Falten gelegt und denkt nach: Wo könnte dieses goldene Meer sein?

„Ah, ich hab da eine Idee“, sagt sie plötzlich ganz laut. „Es gibt eine Insel ganz in der Nähe. Sie heißt Ihla do Mel – Honiginsel bedeutet das. Und Honig ist schließlich goldfarben. Vielleicht findest du dort das goldene Meer!“ Wow, da könnte es sein!

„Wie komme ich dahin?“, fragt Knoblauch schnell. „Kein Problem, du steigst morgen einfach in den Rucksack einer guten Freundin von mir. Sie fährt auf die Insel, um Urlaub zu machen“, sagt sie. Mit seinen kleinen Armen umfasst Knoblach Elfies Hand, umarmt sie fest und sagt: „Obrigada!“ Elfie lacht wieder und erklärt dem Monster dann, wo es Hänsel und Gretel findet. Bei Sonnenaufgang muss Knoblauch schon am Busbahnhof sein und nach einem pinken Rucksack Ausschau halten, der Elfies Freundin gehört.

Die Hexenhüte, in denen das Buchmonster endlich einschlafen kann

Die Hexenhüte, in denen das Buchmonster endlich einschlafen kann

Vor lauter Aufregung kann Knoblauch kaum einschlafen. Erst als er im Hexenhaus bei Hänsel und Gretel die kuscheligen Hüte der bösen Hexe entdeckt hat, schlummert es darin doch noch ein. In seinem Traum schwimmt das kleine Buchmonster in goldenem süßen Honig – in einem ganzen Meer aus Honig.

So geht es weiter:

Teil 6: Piraten, Goldschätze und ganz viel Sonne

Hier findest du auch die vorherigen Teile der Brasilien-Reise des kleinen Buchmonsters:

Teil 1: Ein kleines Buchmonster reist zum goldenen Meer

Teil 2: Frische brasilianische Bücher nach 16 Stunden im Himmel

Teil 3: Ekelige Schlaffrüchte und Kokosnüsse mit Strohhalm

Teil 4: Goldene Bücher am Meeresboden

 

Geschrieben von Sonja Gillert.